Überwindung des Mind-Behavior-Gap durch Stärkung der Ich-Kraft
Marktbeobachter stoßen auf eine Lücke, die bei den Konsumenten klafft, zwischen Erkennen und tun (Mind-Behavior-Gap). Wir kennen zum Beispiel mittlerweile alle die Folgen der Massentierhaltung, des Einsatzes von Kunstdüngern und Giften in der Landwirtschaft und das Verbrennen fossiler Rohstoffe auf unser Klima, aber wir handeln nicht entsprechend. Oft genug entscheiden wir uns dennoch für das bekannte, aber schädliche Gut. Unser Mitglied, Wilhelm R. Kux, Berlin, beschreibt in seinem Buch „Kultur als Zukunftskraft“, München 2026, u.a. wie wir das Mind-Behavior-Gap überwinden können. Wir müssen uns für unsere Produkte, ihre Erzeuger, die Transportwege und die Vermarkter interessieren. Das bedeutet Arbeit, Arbeit eines forschenden, immer bewusster lebenden Konsumenten. Wie man allgemein die Ich-Kraft stärkt, wird zu Beginn von Kapitel 6.2 gezeigt. Wir bringen Auszüge:
Übungen zur Stärkung von Ich-Tätigkeit und Resonanzfähigkeit
Konzentration: Es kann sich während der eigenen Untersuchungen zwischendrin lohnen, einfach zu üben, sich allgemein zu konzentrieren, sachgemäß, bis zum vollständigen Verständnis von Vorgängen. Solche Übungen können nebenbei, in fünf Minuten am Tag, für simple Gegenstände vollzogen werden (wie etwa einen Bleistift oder eine Büroklammer). Dabei kommt es darauf an, Funktion und Herstellungsprozess in Gedanken Schritt für Schritt nachzusinnen, möglichst konkret und täglich, einige Wochen lang, bis man gewahr wird, dass einem das Konzentrieren leichter fällt.
Unterbrechen der Alltagsabläufe: Als Zweites und danach kann man üben, sich nicht immer nur von Gewohnheiten und Verhaltensroutinen lenken zu lassen. Wir brauchen solche angelernten Routinen selbstverständlich als Instinktersatz zur Stabilisierung unserer Orientierung. Wir können nicht immer alles dauernd infrage stellen, aber wir wollen doch »Herr im Haus« bleiben und jedenfalls den Routinen bewusst zustimmen (z. B. als »gute Gewohnheiten«). Zum „Herrsein“ gehört es aber auch, sie unterbrechen zu können (wie wir es von Sokrates hörten). Und damit das gegebenenfalls nicht zu schwerfällt, kann man es in unauffälliger Weise täglich über längere Zeit üben. Dazu unterbricht man den Alltagsverlauf zu einer vorher selbstbestimmten Zeit mit einer simplen, aber unüblichen, selbst ausgedachten Tätigkeit, z. B. sich einen bestimmten Knopf zu öffnen und wieder zu schließen. Es werden damit verblüffendste Erfahrungen über die eigenen Fähigkeiten, sich zu lenken, gemacht und erweitert.
Gelassenes Wahrnehmen: Viele Dinge »springen uns an«, mit besonders ausgestatteter Emotionalität. Das passiert nicht nur durch die Werbebilder in den Medien. Damit wir aber nicht manipuliert werden, gilt es, die einzelnen »Ansprünge« in ihrer Wirkung und Machart bewusst wahrzunehmen, jedoch Gelassenheit ihnen gegenüber zu üben. Am besten geht es vielleicht, wenn man sich über das Aufgedeckte, die Absicht, nicht ärgert, nicht verstimmt wird, sondern es eher mit Humor nimmt. Andererseits können uns manche Vorgänge auch sehr betroffen machen und zu Trübsinn veranlassen. Auch hier ist es wichtig, für den Vorgang offen zu sein, aber man muss dem Trübsinn, der Angst, nicht verfallen. Gelassenes Anschauen und Sinnen auf tätige Abhilfe kann man also in dieser dritten Periode üben.
Positivität: In unserer Revue der Ereignisse bemerkten wir viele Situationen, in denen es zwei Seiten derselben Medaille gab. Die calvinistische Geld-Fixiertheit hatte eine gewisse Herzlosigkeit zur Folge. Aber sie ermöglichte auch schöne Bekleidung für eine Bevölkerung, die einander immer zugeneigter wurde. Brunelleschis Perspektivmodifikation öffnete den Blick auf viel mehr materielle Aspekte der Welt – aber ermöglichte auch viele Durchblicke auf Wesentliches. Es geht alsodarum, sich den Sinn für das Positive nicht verstellen zu lassen durch die Wahrnehmung von Üblem. Auch das kann man bewusst an simplen Erfahrungen in einer vierten Periode üben.
Offenheit für Ungewohntes: In unseren Erwägungen haben wir von Galileis Beobachtungen mit dem Fernrohr gehört. Hierdurch wurden bisherige Annahmen über die Gestaltungen der Natur (»Kristallhimmel«) infrage gestellt. Viele wollten aber an überkommenen Vorstellungen festhalten und sich gar nicht auf das Fernrohr einlassen. Auch die berechneten Beobachtungen des Club of Rome stießen seinerzeit zum Teil auf Unglauben. Demgegenüber ist Offenheit für anderes, bisher nicht Wahrgenommenes gefragt. Üben wir bewusst eine Zeitlang, Alternativen ernst zu nehmen, sich vor allem Neues sagen zu lassen, neue Gesichtspunkte zu prüfen, so werden die Ich-Kräfte sich hierdurch bedeutend steigern.
Will man das alles noch fortentwickeln, kann man diese Übungen auch kombinieren. Man kann aber zusätzlich auch umgekehrte Wege einschlagen oder die Ansätze erweitern: Hat man in der ersten Übung den Weg der Entstehung eines fertigen Gegenstandes genau verfolgt, so kann man bewusst einen Vorgang im Alltag so beobachten, dass man seine mutmaßliche Fortsetzung in nächster Zeit prognostiziert. Später kann man sehen, ob man richtig lag oder falsch – und gegebenenfalls, warum. Es gilt immer, die tatsächlichen Ursachen möglichst genau zu erforschen, sich nicht mit Erzählungen, Narrativen oder Vermutungen abspeisen zu lassen.
Quelle: https://www.oekom.de/buch/kultur-als-zukunftskraft-9783987265464