Gemüse-Schnitzel

Vegetarier/ Veganer können beim (Gemüse-)Schnitzel bleiben; Fleischesser sind aufgerufen mehr Rindfleisch zu essen, also Rumpsteak, Rouladen, Kalbsschnitzel, Schabefleisch  (siehe Rubrik 2/ Landwirtschaft und Handel in diesem Info-Brief), denn Wiederkäuer sind eigentlich keine Nahrungskonkurrenten für den Menschen; sie beweiden ja Grünland, während Schweine und Geflügel mit Getreide gefüttert werden, das wir Menschen als Nahrung brauchen und jetzt knapp und teuer ist.

Für Gemüseschnitzel eignen sich alle Knollenarten: Sellerie, Kohlrabi, Rote Bete, Fenchel. Man kann auch alle vier Arten gleichzeitig zubereiten. So geht’s: Die Knollen in Scheiben schneiden, dann, wo nötig, die Ränder abschälen, waschen und etwa 15 Minuten in Gemüsebrühe garen. Nun weitere 15 Minuten in Öl (= Naturschnitzel/ vegan) oder mit Semmelbrösel und Ei paniert (vegetarisch) in der Pfanne auf beiden Seiten ausbraten. Um satt zu werden muss man dazu nicht einmal Kartoffeln, Reis oder Nudeln kochen. Salat reicht. Übrigens, auch Blumenkohl, Brokkoli und Rosenkohl können auf diese Weise schmackhaft zubereitet werden.

Guten Appetit wünscht Wolfgang Ritter

Mehr als eine Million Europäer*innen fordern „Bienen und Bauern“ zu retten

Zuschrift vom 14.10.2022, newsletter@umweltinstitut.org

Am Montag (17. Oktober) war es endlich so weit: Die EU-Kommission hat unsere europäische Bürgerinitiative (EBI) „Bienen und Bauern retten“ für gültig erklärt. Somit ist es offiziell: Als erst siebte EBI überhaupt haben wir die Hürde der einen Million gültigen Unterschriften geknackt. Die EU-Institutionen müssen jetzt auf unsere Forderung nach einem Pestizidverbot in Europa reagieren!

Dafür ist es höchste Zeit, denn der Einsatz der Ackergifte in der Landwirtschaft ist eine der Hauptursachen für das dramatische Insektensterben in Europa und weltweit. Dieser Rückgang von Bienen, Hummeln, Käfern und Schmetterlingen gefährdet nicht nur ganze Ökosysteme, sondern auch unsere eigenen Lebensgrundlagen. Denn ohne bestäubende Insekten kann es keine intakte Umwelt geben und auch unsere eigene Lebensmittelproduktion ist ohne ihren Beitrag gefährdet. Daher fordern wir mit unserer EBI ein Verbot giftiger Pestizide in Europa, die Wiederherstellung verlorener Artenvielfalt in ländlichen Gebieten und die Unterstützung der europäischen Bäuerinnen und Bauern bei der Umstellung auf naturverträgliche Anbaumethoden.

Unseren Forderungen müssen die EU-Institutionen nun Gehör schenken. Dabei werden wir deutlich machen, warum die bisherigen Pläne der EU zur Pestizidreduktion viel zu kurz greifen. Zwar ist die geplante Halbierung des Einsatzes der Ackergifte bis 2030 ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, zu dem es ohne den Druck durch unsere EBI niemals gekommen wäre. Doch um das dramatische Insektensterben wirklich aufzuhalten, reicht er nicht aus. Dafür müssen wir endlich komplett aus der Nutzung chemisch-synthetischer Pestizide aussteigen!

Diese Forderung werden die Europa-Abgeordneten und die Beamten/ Beamtinnen in Brüssel nicht ignorieren können. Denn weil unsere EBI erfolgreich war, haben wir jetzt ein Anrecht darauf, unser Anliegen in einer öffentlichen Anhörung im EU-Parlament und in Gesprächen mit Vertreter*innen der EU-Kommission zu schildern. Außerdem ist die Kommission verpflichtet, bis April 2023 schriftlich darzustellen, wie sie auf unsere Forderungen reagieren will.

Das Umweltinstitut gehörte zur Kerngruppe der Organisationen, die die EBI initiiert und koordiniert haben. Möglich war dieser Kraftakt nur durch die Hilfe ganz vieler Menschen: An dieser Stelle möchten wir uns darum noch einmal bei allen bedanken, die der EBI ihre Stimme gegeben haben, bei der Sammlung der Unterschriften geholfen haben oder uns finanziell unterstützt haben!

Mit herzlichen Grüßen Ihr Team des Umweltinstitut München

Bio in Topf und Kopf

Projekt für mehr Bio in der Ausbildung des Bäckerei-, Fleischerei- und Kochhandwerks

Für die Entscheidung von Auszubildenden/Studierenden vermehrt Bio-Lebensmittel in ihrem zukünftigen Arbeitsfeld einzusetzen, sind Vorteile und Qualitätsmerkmale der Bio-Lebensmittel sowie Informationen und Hintergrundwissen über regionale Wertschöpfungsketten vom Acker bis zum Teller entscheidende Faktoren. Ebenso ist es wichtig, dass sich Fachlehrer und Fachlehrerinnen ernährungsbezogener Berufe bei „Bio“ vollumfänglich auskennen. Diese Ziele verfolgt das Projekt „Bio in Topf und Kopf“, das die Städte München und Nürnberg gemeinsam mit dem Anbauverband Bioland e.V. durchführen, und das aus dem Bundesprogramm Ökologischer Landbau gefördert wird.

Britta Walthelm, Referentin für Umwelt und Gesundheit, betont: „Es ist wichtig, die Weichen Richtung „bio“ bereits in der Ausbildung zu stellen.“ sie begrüßt es sehr, dass die beiden Berufsschulen B3 und B7 bereits bio-zertifiziert sind und mit dem Projekt „Bio in Topf und Kopf“ diese Zukunftsausrichtung vertiefen. „Die berufliche Ausbildung,“ so Walthelm „entwickelt sich immer mehr zu einem Schlüssel für mehr bio in Nürnberg und trägt in hohem Maße zu den vom Stadtrat beschlossenen Zielen in der Biometropole bei. Dass dies Pionier-Charakter hat zeigt die Förderung durch das Bundesprogramm Ökolandbau.“

„Es ist toll, dass die Schülerinnen und Schüler durch das Projekt den Umgang mit Bio-Lebensmitteln, Nachhaltigkeit und Regionalität bereits während der Ausbildung erfahren“, so Cornelia Trinkl, Referentin für Schule und Sport. „Nach dem Projektstart an der B7, dem Kompetenzzentrum für Ernährung und Versorgung, erhalten nun auch die Schülerinnen und Schüler der B3 mit den Bereichen Bäckerei, Konditorei, Fleischerei, Gastronomie und Hotellerie weitere spezifische Kompetenzen, die sie fit für ihre Arbeit im Betrieb machen.“

„Aufgrund der engen Anbindung von Betrieben des Lebensmittelhandwerks und der Gastronomie über unseren Förderverein hat sich der Schwerpunkt Bio-Lebensmittel zu einem Alleinstellungsmerkmal für unsere Berufsschule entwickelt“, so Dr. Andrea Roth, Leiterin Berufsschule der Bereiche Bäckerei/Konditorei/Fachverkauf, Fleischerei/Fachverkauf und Gastronomie/Hotellerie (B3). „Die Einführung von mehr regionalen Bio-Lebensmitteln ist für die Berufsschule ein nicht ganz leichter Prozess, aber wir sind überzeugt, dass Kenntnisse im Zukunftsmarkt Bio wichtig für zukünftige Mitarbeitende oder Betriebsinhaber und -inhaberinnen sind. Wichtig ist es auch, die Lehrpraxis entsprechend anzupassen, sodass wir froh sind, nochmal Knowhow über die Kooperation mit dem Anbauverband Bioland e.V. zu bekommen.“

„Um das Ziel der Bundesregierung deutschlandweit 30 Prozent Ökolandbau in 2030 zu erreichen“ so Sonja Grundnig, Leitung Außer-Haus-Markt bei Bioland e.V, “brauchen wir mehr denn je gut ausgebildete Fachkräfte im Ernährungshandwerk. Die jungen Auszubildenden erhalten in den insgesamt 18 Workshops wichtige Informationen über den Bioanbau, Einkauf und Beschaffung über bioregionale Wertschöpfungsketten und die Kommunikation an den Endverbraucher. Im Praxisteil werden gemeinsam zum Beispiel ein saisonales Bio-Menü oder Backwaren mit heimischen und alten Bio-Getreidesorten erarbeitet. Ebenso sind Exkursionen zu regionalen Bio-Höfen und -Verarbeitungsbetrieben geplant.“

Bio in Topf und Kopf ist ein Gemeinschaftsprojekt, das die Biometropole Nürnberg gemeinsam mit der Bio-Stadt München durchführt. Bildungsarbeit ist einer der Schwerpunkte in der Arbeit der Biometropole Nürnberg. Aufgabe des Projektes ist es insgesamt zu zeigen, wie Bio in Berufsschulen deutlich stärker integriert werden kann und die Erfahrungen, mit und über das Netzwerk der Bio-Städte deutschlandweit zu verbreiten.

Quelle: Pressemitteilung vom 30.11.2022 von Dr. Nicola A. Mögel, persönliche Mitarbeiterin der Referentin für Umwelt und Gesundheit, Britta Walthelm

Wem hilft die Gentechnik? – Ein Interview

Wem hilft die Gentechnik?

Interview mit Benedikt Haerlin, ganzheitlicher Innovationsdenker, Gentechnikexperte und Leiter der Kampagne Save Our Seeds der Zukunftsstiftung Landwirtschaft.

Wie hat sich der Einsatz der Gentechnik in den letzten 20 Jahren verändert?

Erstaunlicherweise sehr wenig: Noch immer geht es zu über 90% um Soja, Mais, Baumwolle und Raps und noch immer fast ausschließlich um Herbizid-Resistenz und Insektengiftigkeit. Die Schäden dieser Anwendungen sind enorm, weil sie Monokulturen und den Einsatz unglaublicher Mengen an z. B. Glyphosat bewirken. Sehr viele Beikräuter und auch einige Insekten sind mittlerweile selbst resistent gegen diese Gifte geworden und somit kaum mehr zu bekämpfen.

Brauchen wir die Gentechnik um Hungerprobleme zu lösen?

Nein. Der allergrößte Teil der Gentechnik-Pflanzen dient ja überhaupt nicht der Ernährung, sondern als Futter-, Faser- und Energiepflanze. Der Hunger ist einerseits ein Problem der Verteilung und des Zugangs zu Land, Wissen und Märkten und andererseits der nicht ausreichend angepassten Anbausysteme von Kleinstlandwirt*innen. Da helfen keine einseitigen Manipulationen des Saatgutes.

Wie sieht in deinen Augen die Landwirtschaft der Zukunft aus?

Vielfältig in allererster Linie, angepasst an die jeweiligen lokalen Bedingungen mit möglichst widerstandsfähigen und flexiblen Anbausystemen von sich gegenseitig ergänzenden Pflanzen, Tieren und Mikroklimakonzepten. Landwirtschaft kann klimapositiv sein und mehr CO2 aufnehmen als abgeben, und Landwirtschaft soll sich vollkommen auf die Ernährung der Menschen vor Ort konzentrieren und nicht der Profitmaximierung von Investoren. Die begehrtesten Arbeitsplätze sollten in der Landwirtschaft zu finden sein, weil hier Natur, Kultur, Wissenschaft und Technik, Gesundheit, soziale Anerkennung und Integration so beglückend zusammenwirken wie nirgends sonst. Ein Ort und eine Gemeinschaft, die wir stolz unseren Kindern übergeben wollen.

Quelle: Jahresbrief 2022/2023 der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, www.zukunftsstiftung-landwirtschaft.de

Haferflocken sind gut – wenn’s Bio-Ware ist

Öko-Test hat 29 Kernige Haferflocken getestet; 16 bio- und 13 konventionelle Sorten. Die Bio-

Flocken sind alle zu empfehlen. 13 schneiden sogar „sehr gut“ ab. Wieder sieht man, dass der Preis kein Qualitätsmerkmal ist. 500 g einer „sehr guten“ Bio-Flocke von Kaufland kostet z.B. nur 0,95 Euro, eine von Bio Gourmet, mit „befriedigend“ bewertet, dagegen 2,86 Euro. Die Demeter-Großblatt-Haferflocke unseres Firmenmitgliedes Spielberger Mühle kostet 2,19 Euro.

Unter den konventionellen gibt es vier Sorten die beim Test mit „ungenügend“ durchfielen, weil sie mit Glyphosat, Mepiquad, Chlormequat oder Schimmelpilzgifte verseucht waren: Golden Breakfast Haferflocken kernig von Norma, Ja! Kernige Haferflocken von Rewe, Jeden Tag Haferflocken kernig von Zentrale Handelsgesellschaft und Knusperone Kernige Haferflocken von Aldi.

Quelle: Öko-Test Magazin 10.2022

Mehr Maisertrag durch neue Zuchtmethoden

Ertragssteigernde Zuchtmethoden, Leistungs- und Adaptionsfähigkeit von Maispopulationen und Erstellung einer diversen Ausgangspopulation für Wissenschaft, Züchtung und Praxis (Verbundvorhaben); ausführende Organisationen: Landbauschule Dottenfelderhof e.V., Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), Bundessortenamt, Universität Kassel, https://orgprints.org/id/eprint/44439/

Zusammenfassender Forschungsbericht

Im Hinblick auf den Klimawandel und die zunehmend auftretenden Wetterextreme könnten offen abblühende heterogene Maispopulationen speziell im ökologischen Landbau Vorteile aufweisen. Die züchterische und wissenschaftliche Bearbeitung dieses Sortentyps findet seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. kaum mehr statt. Im Vorhaben wurde in fünf Teilprojekten Leistungspotenzial, Robustheit und Anpassungsfähigkeit von Maispopulationen sowie effiziente Zuchtmethoden zu deren Verbesserung untersucht. Die Versuche wurden von 2017-22 an ökologisch und konventionell bewirtschafteten Standorten in Deutschland durchgeführt. Für Forschung, Züchtung und Wissenschaft wurde eine neue Ausgangspopulation erstellt:

(1) Bei den Zuchtmethoden wurde der Einfluss des genetischen Hintergrundes der Ausgangspopulationen deutlich. Bei wenig bearbeitetem Material zeigte die Haploidenmethode die stärkste Wirkung, die rekurrente S1-Familien- und Vollgeschwisterselektion (mit Ertragserhebungen) scheinen für eine effiziente Verbesserung der Populationen dennoch das größte Potenzial aufzuweisen. Die einfache positive Masseauslese führte bei minimalem Aufwand zur Erhaltung der Populationen in deren Eigenschaften und ist in der Praxis zur eigenen Saatgutgewinnung oder Hofsortenentwicklung leicht einsetzbar.

(2) Im Mittel erzielten die Populationen maximal 80 % des Kornertrags der Vergleichshybridsorten, nur an einzelnen Standorten und Jahren erreichten sie konkurrenzfähige Erträge. Im ökologischen Anbau zeigten alle Populationen eine höhere Leistungsfähigkeit, welche darauf hindeutet, dass in diesem Anbausystem die genetische Heterogenität besser genutzt werden konnte.

(3) Die Anpassung an die Selektionsumwelt und Selektionsbedingungen wurde in kürzester Zeit ertragswirksam. Die Auswahl der Ausgangshybriden zeigte einen starken Einfluss auf die Leistungsfähigkeit der Populationen, eine höhere Anzahl an Genotypen in den Populationen verbesserte in der Tendenz deren Leistungsstabilität.

(4) Eine neue Ausgangspopulation – nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengestellt – steht für Forschung und Praxis zur weiteren Verwendung zur Verfügung.

(5) Ein intensiver Wissenstransfer hat mithilfe von Feldtagen, Workshops, Kurzfilmen und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften stattgefunden.

Quelle: forschung@fibl.org, Mail vom 05.10.2022

„Wir brauchen mehr Menschen, die Rindfleisch essen“

„Wir brauchen mehr Menschen, die Rindfleisch essen“

Ulrich Mück, Agraringenieur, Öko- und Demeter-Berater, freiberuflicher Fachautor und Referent, hielt am 16. Okt 2022 zur Demeter-Herbsttagung in Nürnberg einen Vortrag zum Thema „Klimakiller oder unersetzbar? Die Bedeutung der Rinder im Organismus Erde, Landwirtschaft und Ernährung“. Wir bringen hier Ausschnitte aus einem Interview, das er am 30.09.2022 im ntv Klima-Labor gab.

ntv.de: Sie sagen: Es essen nicht genug Menschen Rindfleisch? Viele werden jetzt wahrscheinlich hinterfragen, was sie in den letzten 10 oder 20 Jahren gehört und gelernt haben. Erläutern Sie bitte.

Wenn wir uns anschauen, welche landwirtschaftlichen Flächen der Erde die Menschen ernähren, haben wir mindestens zwei Drittel Grünland und ein Drittel Acker. Veganer müssen sich aus dem Acker ernähren, denn das Grünland wird von Pflanzenfressern und speziell Rindern in Fleisch und Milch umgewandelt. Die Grünlandfläche leistet den überwiegenden Anteil an der Ernährung der Menschen. Insofern muss man sagen, dass die Menschen ohne Fleischesser auf der Erde nicht ernährt werden könnten.

Das Problem ist also die Betrachtung, nicht die Rinder?

Wir müssen klimaschonende oder klimaschädliche Ernährung flächenbezogen betrachten: Welche Flächen gibt es auf der Erde? Wofür eignen die sich? Nachhaltig wird Ernährung nur dann, wenn sich Menschen entlang dieser Flächen ernähren. Ein Einzelner kann dann natürlich für sich entscheiden, ich ernähre mich vegetarisch. Nur muss ganz deutlich sein: Für alle Menschen geht das nicht. Wir brauchen viele Esser von Rindfleisch auf der Erde. Ein wesentlicher Punkt, der bei Rindern noch dazukommt: Methangas spielt eine große Rolle. Die Klimawirkung von Methan wurde in Bezug auf die Rinder aber über viele Jahre falsch, also zu stark eingeschätzt.

Warum zu stark? Wir wissen doch, dass Methan eines der schädlichsten Klimagase ist. Es verbleibt nicht ganz so lange in der Atmosphäre wie CO2, aber es hat einen starken kurzfristigen Effekt bei der Erderwärmung.

Aber solange ein immer gleichbleibender Level von Methan ausgeschieden wird, der innerhalb eines Jahrzehnts weitgehend abgebaut wird, verliert es seine temperatursteigernde Klimaschädlichkeit. Jedenfalls, solange keine neuen Quellen dazukommen, was bei den Rindern nicht der Fall ist. Die scheiden bereits seit 30 Millionen Jahren Methan über ihr Verdauungssystem aus.

Aber durch die Massentierhaltung gibt es doch heute viel mehr Rinder auf der Erde.

Nicht in Deutschland und nicht in Bayern. Für Bayern kann ich dank einer großen Viehzählung im Bayerischen Königreich im Jahr 1873 sogar belegen, dass damals 22,7 Prozent mehr Kühe vorhanden waren als heute.

Dann müssen wir aber auch andere Aspekte betrachten wie zum Beispiel die Ernährungssicherheit, die nicht berücksichtigt wird. Rinder spielen eine ungeheuer wichtige Rolle für Biodiversität und für Kohlenstoff-Einbindung. 30 Millionen Jahre lang haben sie durch ihren Verbiss im Grünland die heimischen Pflanzen immer wieder angeregt, neue Wurzeln auszutreiben, während die alten den Kohlenstoff im Boden angereichert haben. Deshalb hat Grünland einen 1,2 bis 5 Mal höheren Kohlenstoffgehalt als ein durchschnittlicher Acker.

Das gilt doch aber auch nur für Rinder, die draußen auf der Weide herumlaufen dürfen und nicht für diejenigen, die irgendwo in einem riesigen Stall stehen.

Wenn Rinder mit Grünland gefüttert werden, sind sie klimaschonend und klimapositiv. Wenn sie, wie das in vielen konventionellen Tierhaltungen getan wird, hohe Anteile ihrer Rationen über Kraftfutter erhalten, nicht. Aber Grünland und Rinder sind eine naturgegebene, wunderbare Paarung. In dieser Form sind Rinder auch Verdauungswunder, die eine minderwertige, nicht für den Menschen verfügbare Biomasse in Lebensmittel umwandeln können.

Nehmen wir das Extrembeispiel Brasilien. Dort werden riesige Flächen gerodet, damit Rinder weiden können. Wie ordnen Sie dieses System ein?

Solche Feedlots, wie man sie auch aus Mexiko oder den USA kennt, sollte man nicht unterstützen und solche Rinder sollte man nicht verzehren. Aber wir sind in Deutschland und haben Rindfleisch aus dem Ökolandbau und aus der Weidehaltung. Das ist eindeutig eine klimaschonende Ernährung, die man fördern sollte.

Okay, im besten Fall kein Rindfleisch aus Brasilien, Mexiko oder den USA, sondern nur aus Ökolandbau und aus Deutschland. Und in welchen Mengen? Sie haben vorhin gesagt, es braucht mehr Menschen, die Rindfleisch essen.

Der Fleischverzehr in Deutschland ist ungeheuer groß und muss reduziert werden. Aber 83 Prozent des Schlachtgewichts sind Schwein und Huhn, nur 15 Prozent Rindfleisch. Fleischreduzierung also bitteschön bei den Tieren, die eigentlich systemische Lebensmittelverschwender sind. Denn deren Fleisch und deren Eier gehen daraus hervor, dass ungeheuer viele Lebensmittel verfüttert werden. Bei jeder Ration sind es etwa 80 Prozent. Das ist verschwenderisch.

Der Vorteil von Rindern und Kühen ist also, dass sie praktisch aus nichts beziehungsweise aus Dingen, die der menschliche Körper nicht verarbeiten kann, brauchbare Nahrungsmittel machen. Schweine und Hühner dagegen essen dasselbe wie der Mensch.

Ja, es sind Nahrungsmittelkonkurrenten. Das Rind – zumindest potenziell – nicht. Es kann aus 100 Prozent Gras 100 Prozent Lebensmittel in Form von Fleisch und Milch herstellen.

Aber das setzt natürlich voraus, dass Länder wie Brasilien ihre Rinderwirtschaft auch auf eine nachhaltige umstellen.

Das würde für viele Länder eine ganz andere Orientierung bedeuten. Das Erstaunliche ist, dass der Begriff der Nahrungssouveränität in der Entwicklungshilfe schon seit Jahrzehnten zentral ist: Jede Gesellschaft sollte in der Lage sein, den überwiegenden Anteil der eigenen Nahrungsmittel selbst herzustellen. Das sollten wir auch auf uns anwenden und sagen: Wir essen zuerst die Lebensmittel, die auf unseren heimischen Flächen entstehen. Für die Welt insgesamt wäre das ein sehr wichtiger politischer Ansatz.

Quelle und vollständiges Interview: https://www.n-tv.de/wirtschaft/Wir-brauchen-mehr-Menschen-die-Rindfleisch-essen-article23617204.html

Sekem – Vision (SVG 11): Wirtschaft der Liebe

Ägypten 2057: Die Unternehmen in Ägypten arbeiten auf der Grundlage eines Wirtschaft der Liebe-Standards, der transparent ist und die tatsächlichen Kosten berücksichtigt!

Wenngleich wir berichtet haben wie wir bereits vor Jahrzehnten begonnen haben, eine Wirtschaft der Liebe umzusetzen und diese in vielen Bereichen längst praktizieren, handelt es sich bei dem Anliegen die komplette Wertschöpfung und alle daran Beteiligten sichtbar zu machen und gleichberechtigt zu fördern, um eine Jahrhundertaufgabe. Wir wollen diese bis 2057 gezielt voranbringen und systemrelevant machen. Dazu haben wir gemeinsam mit lokalen und internationalen Kontrollstellen Standards zur Zertifizierung der Wirtschaft der Liebe: „Economy of Love“ (EoL) entwickelt.

Demeter- oder Fairtrade-Standards gelten bei der EoL-Zertifizierung als Mindestvoraussetzungen. Denn in der Wirtschaft der Liebe werden nicht nur die Bauern oder die Händler berücksichtigt, die das Roh- und Verpackungsmaterial für ein Produkt liefern, sondern auch der Waldarbeiter, der den Baum für das Papier fällt, aus dem etwa eine Packung hergestellt ist, oder der Fahrer, der das Papier transportiert. Wir wollen von Anfang bis Ende Transparenz gewährleisten, nicht zuletzt, weil wir davon überzeugt sind, dass KundInnen erst dann eine mündige Kaufentscheidung treffen können. Auf das Wesentliche zusammengefasst wollen wir erreichen, dass KonsumentInnen in der Lage sind, vier grundlegende Fragen in Bezug auf das von ihnen gewählte Produkt zu beantworten, nämlich:

  1. Welche Auswirkungen hat das Produkt und dessen Herstellung auf die soziale und gesellschaftliche Umgebung?
  2. Welche Auswirkungen hat das Produkt und dessen Herstellung auf die Umwelt und Natur?
  3. Welche Auswirkungen hat das Produkt und dessen Herstellung auf die Entwicklung und Potentialentfaltung von Menschen?
  4. Wie ist der wahre Preis des Produktes?

Erst wenn so viel Transparenz geschaffen wurde, dass diese vier Fragen zufriedenstellend beantwortet werden können, kann auch Sorge dafür getragen werden, dass die wirtschaftliche Aktivität weder Umwelt noch Menschen schadet, sondern sie stattdessen fördert.

Die Einbeziehung der vier Dimensionen in die transparente Sichtbarmachung ist einer der größten Unterschiede und Fortschritte im Vergleich zu anderen Standards. Der kulturelle Aspekt, also die Frage danach, wie ein Produkt sowohl die Potentialentfaltung der VerbraucherInnen als auch der ProduzentInnen beeinflusst, wird in der Produktion bislang wenig bis gar nicht berücksichtigt. EoL soll ein multidimensionaler Standard für eine ganzheitlich nachhaltige Entwicklung sein. Das heißt beispielsweise, dass ProduzentInnen immer Zugang zu regelmäßigen kulturellen Aktivitäten und Bildungsangeboten haben müssen, dass die lokale Kultur eingebunden und lebenslanges Lernen garantiert sein müssen. Die EoL-Zertifizierung bietet auch wichtige Erweiterungen zur Bio- oder Fairtrade-Zertifizierung. Denn Wasserverbrauch, CO2-Fußabdruck oder der Einsatz von erneuerbaren Energien sind ebenso wichtig für eine verantwortungsvolle Agrikultur. Und Bewusstseinsbildung, Förderung von menschlichem Potential oder Gemeinschaftsentwicklung sind für ethisches Wirtschaften von vergleichbarer Bedeutung wie ein faires Gehalt oder soziale Absicherung.

Über ein Rückverfolgungs-Tool wird die komplette Wertschöpfungskette für alle sichtbar gemacht. So gibt das Tool Auskunft über die Bauern und VerarbeiterInnen, aber auch zu Transport, dem ökologischen Fußabdruck, oder den tatsächlichen Kosten der Produktion (also Kosten, die für Wasserverbrauch, Wasseraufbereitung, Luftsäuberung, Energie oder CO2 Ausstoß anfallen, siehe dazu SVG 5). Diese tatsächlichen Produktionskosten werden im EoL-Standard erstmalig in Form einer Zertifizierung berücksichtigt.

Bis 2027 sollen alle unsere eigenen Produkte EoL-zertifiziert sein und möglichst viele unser Partnerunternehmen, die wir mit Rohstoffen beliefern. Außerdem soll EoL langfristig nicht nur Lebensmittel, sondern alle Produkte und Dienstleistungen zertifizieren. Wir wollen damit zeigen, dass eine nachhaltige Wirtschaft, die Umwelt und Menschen fördert anstelle sie auszubeuten, ebenso erfolgreich und finanziell lohnend sein kann wie ausbeuterische Modelle.

Inspiration: Wirtschaft der Liebe ist effizient und kostengünstig

Mit der Economy of Love-Zertifizierung wollen wir es VerbraucherInnen ermöglichen, Produkte vollkommen transparent zurückzuverfolgen und den tatsächlichen Preis zu kennen. KundInnen werden so ermächtigt, die richtige Kaufentscheidung zu treffen. Denn die aktuellen Preise spiegeln meist eine Illusion wieder. Dazu gibt es einen Barcode auf jedem Produkt, der zu unserer Website führt, wo umfangreiche Hintergrundinformationen zur Verfügung stehen. Über den EoL-Standard wird deutlich, dass die Preise in den Regalen nicht die realen Preise darstellen.

Als Beispiel sei unser Anis-Tee genannt. Vergleichen wir die Kosten von einer Schachtel SEKEM-Anis-Tee mit einem konventionellen Konkurrenzprodukt in Ägypten, können wir folgendes feststellen: Der konventionelle Tee kostet die VerbraucherInnen zwar rund 20 Prozent weniger (16 Ägyptische Pfund) als die gleiche Menge unseres Bio-Tees (20 Ägyptische Pfund); aber: Bei der Produktion kommt der Bio-Tee mit 25 Liter weniger Wasser aus und verunreinigt das Grundwasser nicht. Die Aufbereitung verschmutzten Wassers kann mit 5 Ägyptischen Pfund pro Packung kalkuliert werden. Außerdem werden bei dem Anis-Anbau für eine Schachtel Anistee in der Bio-Landwirtschaft rund 75 Gramm CO2 gebunden, während bei der konventionellen Landwirtschaft gar kein CO2 gebunden wird. Wenn die CO2-Emissionen bepreist würden, wie von der FAO vorgeschlagen, etwa mit einem Ägyptischen Pfund, würde dies das konventionelle Produkt um ein weiteres Pfund pro Schachtel teurer machen. Damit läge der Anis-Tee der konventionellen Konkurrenz bereits bei 22 Ägyptischen Pfund und wäre 10% teurer als unser EoL-zertifiziertes Produkt.

Quelle: Helmy Abouleish mit Christine Arlt: SEKEM, Inspirationen – Impulse für einen zukünftigen Wandel, ISBN 978-5-95779-165-8, Frankfurt am Main 2022, Kapitel „Vision (SVG 11): Wirtschaft der Liebe“