Demeter-Zertifizierung und geplantes „Anerkennungsverfahren“

Schirin Oeding, schirin.oeding@demeter.de, von der Demeter-Zertifizierungsabteilung in
Darmstadt beantwortet Fragen des Bio-Verbraucher e.V.

1. Welche Bedeutung haben externe Kontrollen?

Für eine unabhängige Qualitätskontrolle beauftragen wir externe Kontrollen, bzw. Demeter- Inspektionen durch staatlich anerkannte Öko-Kontrollstellen. Von den Kontrollstellen wird auf
den landwirtschaftlichen Betrieben die Einhaltung der EU-Öko-Verordnung geprüft und zusätzlich bei Demeter-Betrieben die Einhaltung der Demeter-Richtlinien. Die Kontrollen werden zusätzlich durch Demeter geschulte Bio-Inspektoren anhand des Demeter- Inspektionsbogens vorgenommen.

2. Wie oft finden Kotrollbesuche statt?

Die EU-Öko-Kontrolle findet jährlich statt. Die Demeter-Inspektionen werden je nach Risiko-
Status des Hofes entweder jährlich, alle zwei, drei oder vier Jahre durchgeführt. Bei 75 – 80%
der Betriebe findet eine Jahresinspektion statt. Es werden zusätzlich unangekündigte
Stichprobenkontrollen durchgeführt. Durch den risikoorientierten Ansatz konnten wir die
Qualität der Kontrollen deutlich erhöhen.

3. Wie laufen sie ab?

Geschulte Inspektor:innen prüfen mit Hilfe von Checklisten die Einhaltung der jeweiligen
Richtlinien (EU-Öko- und Demeter-Richtlinien). Sie begutachten z.B. die vorhandenen Futtermittel auf dem Hof — sind alle Futtermittel in der entsprechenden Demeter-Qualität vorhanden? Und kontrollieren die Qualität (Demeter oder Bio?) von eingegangenen Waren wie Saatgut, Jungpflanzen oder Tierfutter. Auch die Historie von zugekauften Tieren wird kontrolliert — kommen die Tiere von einem Demeter-Betrieb oder einem Bio-Betrieb?

Im Rahmen einer Kontrolle wird außerdem ein Betriebsrundgang gemacht. Es werden Felder,  Grünland und Weiden besichtigt und der Stall wird besucht. Zusätzlich werden Tierwohlkontrollen durchgeführt. Auch hier sind speziell geschulte Inspektor:innen für die Durchführung zuständig. Auf Betrieben die Erzeugnisse selbst verarbeiten, z.B. in einer Hof-
Käserei oder -Bäckerei, wird zusätzlich eine Kontrolle des verarbeitenden Betriebs
durchgeführt.

4. Wieviel Zeit- und Geldaufwand bedeuten sie?

Je nach Betriebsgröße dauern die Kontrollen von einigen Stunden bis zu mehreren Tagen.
Außerdem brauchen die Betriebe oft, je nach Größe und Komplexität des Unternehmens, etwas Zeit, um die Unterlagen für die Kontrolle vorzubereiten. Die Kosten für die Demeter-
Zertifizierung trägt der Verband.

5. Was ist mit dem „Anerkennungsverfahren“ geplant, was erhofft man sich damit zu
erreichen?

Gesamtziel des Vorhabens ist, die Anwendbarkeit eines entwicklungsorientierten
Anerkennungsverfahrens für die Produktion nach verbindlichen Standards (Richtlinien) in der Land- und Lebensmittelwirtschaft als Alternative zur verstoß-orientierten Kontrolle zu prüfen. Hierfür wird ein Verfahren, welches seit 2018 im Demeter-Verband als Pilotprojekt entwickelt 4 und erprobt wird, umfassend evaluiert und die Übertragbarkeit des Verfahrens erprobt. Es wird erwartet, dass das entwicklungsorientierte Verfahren einen offenen und konstruktiven Umgang
mit zertifizierungsrelevanten Herausforderungen in der Produktion fördert und die betriebliche Entwicklung im Sinne der gesellschaftlichen Ziele der ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft unterstützt.

Aktuell wird das Projekt „Anerkennung“ als Pilotprojekt zu Forschungszwecken durchgeführt. Projektzeitraum ist 2018-2022. Ob die Anerkennung als Alternative bzw. als Ergänzung zur herkömmlichen Demeter-Kontrolle eingeführt wird, wird – je nach den Ergebnissen des Projekts – durch einen Entscheid der Delegiertenversammlung des Demeter e.V. beschlossen. Das Projekt bzw. die Auswertung des Projekts werden durch die Software AG Stiftung sowie durch eine Förderung der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung/Bundesprogramm
Ökologischer Landbau unterstützt.
Mehr Informationen zu dem Projekt Anerkennung finden Sie unter:
https://www.demeter.de/forschung/projekt-anerkennung,
https://www.demeter.de/forschung/zerti4.0

Gentechnik in der Landwirtschaft: Rettung oder Untergang?

Diskussionsveranstaltung mit Experten und Publikumsbeteiligung
Wann: Freitag 29. Oktober 2021, 18:00 – 21:00 Uhr
Wo: Katharinensaal am Katharinenkloster 6, Nürnberg
Referenten: Prof. Uwe Sonnewald, Dr. Martha Mertens, Dr. Peter Dolesche, Moderation: Wolfgang Heilig-Achneck
Es gilt die 3 G-Regelung: Einlass nur für Geimpfte, Genesene oder negativ Getestete möglich.
Veranstalter: BUND Naturschutz e.V. AK Forum International, Endterstraße 14, 90459 Nürnberg, Tel. (0911) 45 76 06, info@bund-naturschutz-nbg.de · www.nuernberg-stadt.bund-naturschutz.de

Tomatenmark getestet – nur die Hälfte ist empfehlenswert

Bericht von Wolfgang Ritter

 „Da sehen wir rot“, überschreibt Öko-Test seinen Bericht zum durchgeführten Tomatenmarktest. Und zwar deswegen, weil fast die Hälfte der getesteten Produkte mit Schimmelpilzgiften belastet ist. „Das ist nicht nur eklig, sondern auch ein Gesundheitsrisiko“, so Öko-Test. Leider trifft es auch Bio-Marken. Sie enthalten Alternariol (AOH) oder Tenuazonsäure (TeA), sind aber frei von Pestiziden. AOH führte in Studien zu Erbgutschäden, TeA hemmte die Bildung körpereigener Proteine, was zu Organschäden führen kann. Betroffen sind folgende Bio-Produkte:

  • Dennree Tomatenmark, einfach konzentriert, TeA erhöht, „befriedigend“
  • Alnatura Tomatenmark, 2-fach konzentriert, AOH stark erhöht, „mangelhaft“
  • Dm Bio Tomatenmark, 2-fach konzentriert, AOH stark erhöht, „mangelhaft“
  • Ener Bio Tomatenmark, 2-fach konzentriert, AOH stark erhöht, „mangelhaft“

Vier Bio-Produkte sind „sehr gut“

„Sehr gute“ Bewertungen erhielten die vier anderen, getesteten Bio-Tomatenmarke:

Basic (zweifach konzentriert), Campo Verde (einfach konzentriert, Demeter), Edeka (doppelt konzentriert) und Eden (einfach konzentriert).

Manche konventionellen Tomatenmarke enthalten nicht nur erhöhte TeA- oder/ und AOH-Werte, sondern auch bedenkliche Pestizide (Dimethomorph, Chlorfenapyr, Imidacloprid). „Mangelhaft“ ist K-Classic Tomatenmark 3-fach konzentriert von Kaufland. Am schlechtesten schneidet das Tomatenmark von Cirio ab: „ungenügend“. Es enthält einen Cocktail aus Dimethomorph, AOH, TeA und Ergosterol. Quelle: ÖKO-TEST Magazin 8.2021

Siehe auch Rubrik 8/ Rezept des Monats in diesem Info-Brief zur Herstellung eigenen Tomatenmarks. Es ist ganz einfach.

Bio-regionale Gemüse Wertschöpfung beginnt im Dialog!

Assoziative Zusammenarbeit findet immer dort statt, wo (möglichst) alle am Wertschöpfungsprozess Beteiligten sich zusammensetzen, um sich kennenzulernen und die Dinge zu besprechen oder zu verabreden, die alle Beteiligten interessieren oder betreffen. Eine solche Zusammenarbeit wird jetzt für Gemüse aus dem Nürnberger Knoblauchsland angestrebt. Der Bio-Verbraucher e.V. ist für die Verbraucher dabei.

 

„Bio-regionale Gemüse Wertschöpfung beginnt im Dialog!“

Pressemitteilung von Felix Schmidling, Projektleiter GemüseWert, vom 20.07.2021

 

Leider spiegelt sich der Wert des Gemüses oft nur im Preis wieder. Da Preis aber nicht das alleinige Kriterium sein sollte, will das Projekt „GemüseWert“ die gesamte Gemüse-Wertschöpfungskette vom Acker bis auf den Teller genauer unter die Lupe nehmen. Ziel bis Juli 2023 ist, mindestens drei Gemüseerzeuger*innen im Knoblauchsland und den angrenzenden Öko-Modellregionen Nürnberger Land und Roth bei der Öko-Umstellung zu begleiten und den genossenschaftlichen Öko-Anteil bei der Erzeugergenossenschaft Franken-Gemüse Knoblauchsland eG mindestens zu verdoppeln.

 

Das Projekt „GemüseWert“, welches der Bio-Wertschöpfungsketten-Manager Felix Schmidling seit Dezember 2020 verantwortet, wird im Rahmen des „Bundesprogrammes Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft“ (BÖLN) vom Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung gefördert und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Hauptprojektnehmer und auch Arbeitgeber von Felix Schmidling ist die Franken-Gemüse Knoblauchsland eG. Weitere Projektpartner sind der Gemüseerzeugerverband, die Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm und die BioMetropole Nürnberg.

 

Die Auftaktveranstaltung am 15. Juli 2021 im Nürnberger Knoblauchsland diente in erster Linie dazu sich unter den verschiedenen eingangs genannten Wertschöpfungsstufen (besser) kennenzulernen und eine erste Vernetzung herzustellen. Nicht weniger wichtig war aber die Präsentation der ersten Forschungsergebnisse durch Prof. Dr. Jan Niessen, Leiter des Studiengangs „Management in der Ökobranche“ an der Technischen Hochschule Nürnberg, zum Status Quo der heimischen Bio-Gemüsewertschöpfungsketten. Des Weiteren wurde eine Podiumsdiskussion mit Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen der Wertschöpfungsstufen durchgeführt. Die kontroverse Diskussion thematisierte die Rahmenbedingungen für mehr bio-regionales Gemüse im vor- und nachgelagerten Bereich der Lieferkette. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch den Online-Vortrag von Dr. Philipp Stierand, welcher die „Kantine Zukunft“ aus Berlin als Leuchtturmprojekt hinsichtlich Workshops für Küchenpersonal und mehr Bioeinsatz in der Außer-Haus-Verpflegung darstellte.

 

Fazit der Veranstaltung war, dass man durch einen ausführlichen Dialog auf jeder Stufe der Kette „faire & soziale“ Kriterien etablieren muss und wir uns die Frage stellen müssen, „was ist uns eigentlich gutes, biologisches und sozialverträglich hergestelltes Gemüse wert“? Dazu wird es im Anschluss an die Veranstaltung intensive Gespräche mit allen Bereichen der Wertschöpfungsstufe geben, wo gezielt ein eigenes Positionspapier je Handelsstufe erarbeitet wird. Dieses soll im Anschluss dann in kooperativer Weise mit den anderen Stakeholdern der Wertschöpfungskette ausgehandelt werden. Begleitend wird es außerdem Workshops geben, um den Wissenstransfer für alle Beteiligten gleichermaßen sicherzustellen.

 

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GemüseWert, Foto: Felix Schmidling

Der Umbau des Agrar- und Ernährungssystems ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Liebe Leserinnen und Leser,

 

die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL), 31 Akteure aus Wirtschaft, Umwelt, Landwirtschaft, Tier- und Verbraucherschutz, Wissenschaft, hat im Juli 2021 ihren Bericht an die Bundesregierung übergeben. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Mitglied der ZKL, berichtet. Wir bringen Ausschnitte:

 

„Eine wichtige Voraussetzung, unter der es möglich war, eine so beeindruckende Einigkeit zu erzielen: Wir müssen den Umbau der Landwirtschaft in Deutschland und Europa so organisieren, dass die landwirtschaftlichen Betriebe den Weg mitgehen können, ohne auf der Strecke zu bleiben. Das Ziel ist deshalb: es muss sich wirtschaftlich lohnen, die Umwelt zu schonen, klimaneutral zu produzieren und Tiere artgerecht zu halten.“ Für einige Passagen kommentiert Löwenstein, was die Politik konkret angehen muss und wobei Bio als Trittstein für den Umbau genutzt werden kann:

 

Gerade in strukturschwachen Regionen zeigt beispielsweise der Ökolandbau, wie dort durch integrierte Entwicklung von Landwirtschaft und Verarbeitung neue Wertschöpfungscluster entstehen können. „Unsere Gesellschaft ist nicht stabil ohne lebendige, lebenswerte ländliche Räume. Dafür spielt die Lebensmittelwirtschaft eine zentrale Rolle, denn sie beginnt mit dem, was dort entsteht: Gemüse, Milch, Fleisch oder Getreide. Die nächste Bundesregierung wird einen wirtschaftspolitischen Schwerpunkt darauf legen müssen, mittelständische, nach ökologischen Prinzipien ausgerichtete Verarbeitungsunternehmen zu unterstützen – beispielsweise Schlachtstätten. Die gnadenlose Zentralisierung der letzten Jahrzehnte hat handwerkliche, mittelständische Betriebe ausgelöscht, Bauernhöfe in alternativlose Abhängigkeit gebracht und regionale Wertschöpfung verhindert.“

 

Der Ökolandbau ist derzeit das einzige integrierte Bewirtschaftungsmodell, das die Bewirtschaftung, Zertifizierung und Vermarktung umfasst und das über einen nennenswerten und sehr dynamischen eigenen Markt verfügt […]. „Auch wenn in den nächsten neun Jahren das Ziel der EU ist, den Öko-Landbau auf 25% auszuweiten, so muss auch der Rest der Landwirtschaft gleichzeitig grundlegend umgebaut werden. Die Ökologische Lebensmittelwirtschaft hat deshalb nicht nur die Aufgabe, ihre Leistungen für Natur- und Klimaschutz sowie Tierschutz und gesunde Ernährung entsprechend zu vergrößern. Sie kann zusammen mit ihren Kundinnen und Kunden auch als Pfadbereiter für die Transformation der gesamten Land- und Ernährungswirtschaft wirken. Denn viele ihrer Innovationen entstehen unter den Anforderungen, die über kurz oder lang für alle gelten werden.“

 

Für das Ernährungssystem ist unter anderem charakteristisch, dass ein erheblicher Teil der aus den anspruchsvoller gewordenen Nachhaltigkeitszielen sich ergebenden Herausforderungen nicht allein technisch durch Effizienzsteigerungen gelöst werden kann. Es ist auch eine Weiterentwicklung von Konsum- und Ernährungsstilen […] notwendig. „Der Umbau unseres Agrar- und Ernährungssystems hin zu wirklicher „Enkeltauglichkeit“ ist eine Aufgabe, die alle betrifft: nicht nur die Bäuerinnen, sondern die gesamte Wertschöpfungskette, die Kunden und die Politik. Wenn die neue Bundesregierung ihn an ein einziges Ressort delegiert, wird sie vier Jahre später feststellen, dass der Umbau nicht stattgefunden hat. Wir fordern deshalb – ebenso wie für die Klimapolitik – ein Querschnittsprogramm der gesamten Bundesregierung, in dem alle Politikinstrumente aufeinander abgestimmt sind, die diesen Umbau begleiten und in ihm den Ökologischen Landbau stärken.“ Quelle: presse@boelw.de vom 05.07.2021

 

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Wolfgang Ritter

25 Jahre Saatgutfonds

Bericht von Oliver Willing im Infobrief des Saatgutfonds (Ausschnitte)

Welche Farbenpracht, welche Vielfalt der Formen, welche Geschmacksexplosionen! Ein echter Genuss! Dank der Ökozüchtung ist die Basis für eine eigenständige und gentechnikfreie Sortenvielfalt breiter und reichhaltiger denn je. Und immer mehr junge Menschen engagieren sich für die Ökozüchtung. Der allergrößte Dank gehört den Pionier*innen, die seit über 40 Jahren mit Begeisterung und hoher Intensität – allen widrigen Umständen zum Trotz – diese Aufgabe vorangebracht haben. Und ein großer Dank geht an Sie, an all die großartigen Spender*innen und Unternehmen, die den Saatgutfonds unterstützen. Denn seit nunmehr 25 Jahren geben Sie den Züchter*innen Rückenwind!

 

Bleiben Sie weiter mit uns dran! Eine gute Ernährung aus fruchtbaren Pflanzen, die ohne Spritzmittel und künstliche Dünger auskommen, ist die Grundlage für eine nachhaltige und gesunde Zukunft. Für uns, für unsere Kinder und für die Landwirtschaft! Die biodynamischen und ökologischen Züchter*innen sind dafür der Garant. Ihre Jubiläumsspende ermöglicht deren Arbeit! Vielen Dank, dass Sie sich mit uns für die Ökozüchtung engagieren!

 

Vielfalt Macher*innen

Mehr als 60 ökologische Züchter*innen in Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz arbeiten an der Entwicklung schmackhafter, ökologischer Sorten. Drei Züchter*innen schildern uns, was sie beim Umgang mit den Pflanzen immer wieder zum Staunen bringt. (Der Bio-Verbraucher e.V. gibt hier einen der Beiträge wieder.)

 

Inde Sattler, apfel:gut e. V.

Ich staune über die verschwenderische Natur, dabei ist sie vorsorglich und souverän. Alles was sie und ich als Züchterin brauchen sind Raum und Zeit. Ich pflege, beobachte und entscheide. So beherzt, wie ich vom Schorf, Mehltau oder Obstbaumkrebs befallene Pflanzen ausgrabe und wegtue, bringe ich beim Bestäuben mit dem Pinsel die Kreuzungspartner zusammen. Immer entscheiden die Pflanze oder der Lauf der Natur mit und ich bin die Lernende.

 

Die Sorte Wanja ist aus einer Vielzahl von Apfelkernen entstanden, die mein Mann als junge Sämlinge in einer Hecke um unsere Obstplantage gepflanzt hat. Die Züchter Matthias und Christoph haben die Bäume in der Hecke bonitiert und dabei diesen besonders robusten Baum entdeckt. So sind und werden alle apfel:gut Sorten immer ein Ergebnis der offenen gemeinschaftlichen Arbeit sein.

 

Vielfalt fördern!

Seit 25 Jahren engagieren sich Privatpersonen, Unternehmen aus der Bio­Branche und Stiftungen mit uns für die ökologische und gentechnikfreie Pflanzenzüchtung und bereiten damit den Boden für nachbaubare Sorten mit gutem Geschmack. Für diese wunderbare Unterstützung bedanken wir uns von ganzem Herzen! Wir haben mit vier engagierten Menschen über die Bedeutung des Saatgutfonds gesprochen. (Der Bio-Verbraucher e.V. bringt hier zwei der vier Beiträge.)

 

Prof. Dr. Mirjam Athmann, Fachgebietsleiterin Ökologischer Land- & Pflanzenbau, Universität Kassel

Ökologische Pflanzenzüchtung ist eine Weiterentwicklung der pflanzen­genetischen Vielfalt als Kulturgut und damit gemeinwohlorientiert. Das Zusammenwirken von Züchter*innen, Stiftungen, Unternehmen und Einzelpersonen hat eine beachtliche Vielfalt an ökologischen Getreide­ und Gemüsesorten hervorgebracht, die maßgeblich zur Erfolgsgeschichte des Ökologischen Landbaus beitragen.

 

Sascha Damaschun, Geschäftsführer von BODAN Großhandel für Naturkost GmbH

Saatgut spielt eine Schlüsselrolle für die Souveränität des Bio­Landbaus und die Ernährung der Zukunft. Das Erhalten und Entwickeln unserer Kultursorten ist wichtig für die Artenvielfalt. Ebenso müssen wir aber neue Pflanzen züchten, die mit den Bedingungen des Bio­Landbaus im Klimawandel dynamisch verbunden sind – aufwendige Grundlagenarbeit, die allen zugutekommt. Über den Saatgutfonds können wir diese Grundlagenarbeit gemeinsam ermöglichen.

quelle: „Infobrief Saatgutfonds” 1/2021

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Sascha Damaschun

Die Bedeutung der Mikro-Organismen

Auszüge aus einem Aufsatz von Thomas Hardtmuth mit dem Titel „Die Tiermast, Mikroorganismen und die Biologie der Moral“

Ur-Biosphäre von unerschöpflicher Vitalkraft

Über die Vielfalt der Mikroorganismen in der freien Natur können wir nur spekulieren; nicht einmal ein Prozent dieser Lebewesen ist überhaupt erforscht. Nach neuesten Schätzungen machen die Mikroorganismen den Hauptteil der gesamten Biomasse der Erde aus. Ihr Vorkommen erstreckt sich von den höchsten Luftschichten bis hinunter in 5000 Meter tiefe Erdschichten, wo Mikroorganismen in Millionen Jahre alten Sedimenten überdauern, wobei die Generationszeiten bis zu 1000 Jahre betragen. »Wir verstehen überhaupt noch nicht, wie die Bakterien so lange Zeit überleben können.«

Wir wissen heute, dass nicht nur viele Gesteinsschichten wie Kalk, Apatit, Kohle u.a. biogenen Ursprungs sind, sondern dass auch manche Erzlager (Bändererze) auf die Wirksamkeit sauerstoffproduzierender Mikroorganismen zurückzuführen sind. Das Vorkommen dieser einfachsten Lebensformen ist ubiquitär, »sterile« Bereiche gibt es auf der Erde nicht. Ein Gramm Humus enthält etwa eine Milliarde Keime, darunter etwa 8000 verschiedene Arten, ein Teelöffel Meerwasser etwa eine Million und ein Kubikmeter Luft je nach Bedingungen 1000 bis zu mehreren Millionen, ein Milliliter Regen, Hagel oder Schnee im Durchschnitt 1700 Mikroben. Wir finden diese Lebensformen auch innerhalb von Gesteinen, sogenannte Endolithe, wo sie unter extrem kargen Bedingungen oft riesige Zeiträume überdauern. Zu diesen »Extremophilen« gehört beispielsweise auch der Deinococcus radiodurans, der in den Kühlwasserkreisläufen von Kernkraftwerken unter einer dauerhaften Strahlenbelastung gedeiht, von der ein Tausendstel bereits tödlich für den Menschen ist – evolutionsbiologisch ein Kuriosum, denn nirgendwo auf der Erde herrschen oder herrschten nur annähernd so hohe Strahlendosen, an welche sich diese Lebewesen hätten anpassen können.

Auf der japanischen Insel Hokkaido wurde auf einem heißen, sauren Vulkanboden ein Urbakterium (Archaeon) namens Picrophilus torridus gefunden, das bei einer Temperatur von 60 Grad und bei einem pH-Wert von 0,7 gedeiht. Dieser Lebensraum entspricht einer heißen, verdünnten Schwefelsäure, die auf unserer Haut sofort schwere Verätzungen hervorrufen würde. Thermophile Bakterien wie der Pyrodictium occultum vermehren sich bei Temperaturen von 110 Grad im Bereich von Vulkanschloten am Meeresgrund, wieder andere überlebten über 500 Tage an der Außenwand der Raumstation ISS, also im offenen Weltraum, wo sie neben dem Vakuum extremen Temperaturschwankungen und Strahlungen ausgesetzt waren. Im Jahr 2000 wurden aus einem Salzkristall 250 Millionen Jahre alte Bakteriensporen wieder zum Leben erweckt.

Wir kennen Mikroorganismen (Cupriavidus metallidurans), die aus einer hochgiftigen Goldchlorid-Lösung reines Gold in Form von Nanopartikeln herstellen oder das ebenfalls höchst giftige Arsen in ihren Stoffwechsel einbauen. Das Stoffwechselrepertoir dieser Organismen und ihre Anpassungsfähigkeit an extremste Lebensräume scheinen unbegrenzt. Es gibt auf der Erde keine natürlichen Stoffe, die nicht von den Mikroorganismen abgebaut werden. Ihre Vitalkräfte scheinen unerschöpflich: In den Bakterien bezwingt und beherrscht das Leben den Stoff in nahezu vollkommener Weise.

Nur selten führen wir uns die Bedeutung dieses unsichtbaren Lebens vor Augen. Gäbe es keine Mikroorganismen, die Erde wäre nach kurzer Zeit übersät mit mumifizierten Leichen und abgestorbenen Pflanzen, die Substanzkreisläufe der Natur wären blockiert und das Leben würde nach kurzer Zeit unter seinen eigenen Erzeugnissen ersticken. Die Mikroorganismen bilden eine Art Ur-Biossphäre auf der Erde als Grundlage allen Lebens. Wir können von einer Umwelt-Homöostase sprechen, wenn wir die Milieustabilität in Erde, Wasser und Luft, wie sie hauptsächlich durch die Mikroorganismen aufrechterhalten wird, ins Auge fassen. Wie die Haut- und Darmflora für unsere Gesundheit essenziell ist, so scheinen diese Kleinstlebewesen eine unabdingbare Voraussetzung für die Frische und Gesundheit der Natur zu sein. Nur selten macht man sich im Alltag bewusst, welche Leistungen diese Lebewesen nicht nur für Böden, Gewässer und die Frische der Luft, sondern auch in Kläranlagen, auf Müllhalden und Kompostierwerken sowie in anderweitiger Geruchseliminierung vollbringen.

Bei den in der neueren Zeit immer wieder vorkommenden enormen Ölverschmutzungen durch Tanker- und Bohrinselhavarien haben sogenannte hydrocarbonoklastische Bakterien größere Katastrophen immer wieder verhindert: Alkanivorax borkumensis ist ein Einzeller, der unter normalen Verhältnissen im Meer kaum nachweisbar ist, aber im Fall einer Ölpest sich rasant vermehrt und vor allem in südlichen Gewässern durch Aufspaltung von Rohöl und Rückführung der Abbauprodukte in natürliche Kreisläufe zu einem erstaunlich schnellen Abbau der Verschmutzung beigetragen hat. Und gäbe es keine Archaeen im Meeresboden, die das dort eingelagerte Methan verstoffwechseln, würden große Mengen dieses Treibhausgases frei werden und zu einer Klimakatastrophe führen.

Wir können die Mikroorganismen durchaus als Immunsystem der Erde bezeichnen, weil sie wie die Immunzellen im menschlichen Organismus jedes Fremdleben eliminieren und damit die Milieustabilität und Reinheit der Lebensräume gewährleisten. Wenn man heute die Menschen fragt, welche spontanen Assoziationen sie bei dem Wort Bakterien haben, so werden in den meisten Fällen Begriffe wie Krankheit, Seuche und Fäulnis genannt, was aber an der eigentlichen Natur dieser Wesen völlig vorbeigeht. Weniger als ein Promille dieser Organismen sind überhaupt pathogen; sie spielen für die Gesundheit von Erde und Mensch eine weit wichtigere Rolle.

 

Quelle: Demeter | Rundbrief Nr. 151, Juni 2021

Neu erschienen von Thomas Hardtmuth: Mikrobiom und Mensch – Die Bedeutung der Mikroorganismen und Viren in Medizin, Evolution und Ökologie, Wege zu einer systemischen Perspektive, Salumed Verlag 2021

Besuch der Bioland-Gärtnerei Günter Sippel im Nürnberger Knoblauchsland

Bericht von Maris Bergmann und Wolfgang Ritter

Der Bio-Verbraucher e.V. bringt Bio-Erzeuger, Bio-Händler, Bio-Dienstleister und Bio-Verbraucher zusammen. Am  8. August 2021 waren wir bei einem Urgestein der Bio-Bewegung. Günter Sippel hat den elterlichen Betrieb schon 1964 auf Bio umgestellt und war damit der erste Bio-Landwirt im Knoblauchsland. Schon bald arbeitete er nach den Bioland-Richtlinien. Beim Rundgang durch den Verkaufsraum, die Lager- und Maschinenhallen und die Gewächshäuser erzählt uns der 82-jährige Gärtner aus seiner täglichen Arbeit.

 

Früh morgens wird geerntet, ein Teil der Ernte wird direkt vermarktet im eigenen Hofladen und auf Stadtmärkten. Die große Masse aber (etwa 85 Prozent) wird im eigenen Kühlraum zwischengelagert, bis es der Handel wochentäglich ab 14.00 Uhr abholt. Die regionale Fachmarktkette ebl ist der größte Abnehmer. Man bietet saisonales Freilandgemüse und Gewächshauskulturen.

 

Wie wächst gesundes Gemüse heran?

Für die Gesundheit der Böden ist der Fruchtwechsel wichtig. Dieser ist Voraussetzung für erfolgreiche Humusbildung. Ganz im Gegensatz zur Monokulturen, die Humus abbauen. Als Dünger werden Kalium-Spezialdünger mit hohen Gehalten an Magnesium und Schwefel sowie Haarmehlpellets als Stickstoffspender verwendet. Eine Phosphordüngung ist nicht erforderlich. Sehr wichtig ist die Bodenlockerung, aber ohne die Scholle zu wenden. Deshalb wird nicht gepflügt, sondern gestriegelt und geeggt. Wir sehen Striegelgerät und Egge, die mit einem kleinen Traktor auch in den Gewächshäusern eingesetzt werden können. Unkraut wird gehackt oder mit starken Gasbrennern abgeflammt. Dabei gilt, so Sippel: „Bekämpfe das Unkraut, solange du es noch nicht siehst – im Keimstadium“.

 

In den Gewächshäusern stehen derzeit Bohnen, Tomaten, Paprika. Sie werden gut belüftet. Trips, Blattläuse  und andere Schädlinge bedrohen die Kulturen. Gegen sie werden Nützlinge eingesetzt. Pflanzenkrankheiten werden mit biologischen Mitteln bekämpft. Die Bestäubung von Tomaten und Gurken erledigen fleißige Hummeln. Trotzdem ist auch viel Handarbeit nötig, denn Tomaten und Gurken müssen regelmäßig ausgegeizt werden, d.h. überflüssige Triebe werden ausgebrochen, damit große Früchte wachsen. Die regelmäßige Bewässerung erfolgt aus einem eigenen Brunnen von 60 Meter Tiefe. Sippel: „Im Ertrag ist keine Steigerung mehr möglich“. Wir dürfen von den vier Tomatensorten kosten.

 

Betriebserweiterung

Im Knoblauchsland bewirtschaftet Sippel 9,5 Hektar, davon ein Hektar unter Glas. Da hier eine Betriebserweiterung nicht möglich war, wurde nach der Wende in der Magdeburger Börde (Sachsen-Anhalt) ein Hof mit 40 Hektar Ackerland gekauft. Der Boden dort ist besser als in Nürnberg: 95 von 100 möglichen Bodenpunkten. Schon in 15 Metern Tiefe findet man genügend Wasser zur Versorgung der Kulturen. Dort werden Kartoffeln und Freilandgemüsesorten angebaut. Man hat auch zwei Kühlhäuser zur Verfügung, denn ein Transport der Ernte  nach Nürnberg erfolgt nur alle 14 Tage, damit sich der Transport rentiert. Sechs Mitarbeiter bewirtschaften den Betrieb dort. Sie wohnen in dem hofeigenen Bauernhaus. Auch in Nürnberg sind sechs Mitarbeiter tätig.

 

Nachfolge

Da Günter Sippel keine Kinder hat, die die Gärtnerei fortführen könnten, will man eine Familienstiftung gründen und einem geeigneten Gärtner auf diese Weise eine Existenz bieten, wenn er den Betrieb fortführt.

 

Kontakt und Verkaufszeiten: Bioland-Gärtnerei, Günter Sippel, 90425 Nürnberg-Wetzendorf, Tel. 0911-33 22 06, Fax 0911-37 88 75, Hofladen: Mo, Mi, Fr 12:00 – 13:30 u. 18:30 – 20:00 Uhr, Bauernstand: in Nürnberg am Hauptmarkt: Di und Fr 07:30 – 09:45 Uhr, in Nürnberg-Langwasser, Heinrich-Böll-Platz: Sa 07:30 – 09:45 Uhr